Das Ferienlager 2023

 

„Du,“ sagt ein kleiner Teilnehmer und schaut zu seinem Papa „ich fand es heute cool mit Mark Fußball zu spielen. Da kommt er von so weit weg zu uns und wir kennen trotzdem die gleichen Regeln. Fetzt.“ Sagt es und sticht sein Paddel in das 14 Grad kalte Wasser des Labussees. Der kleine Teilnehmer und sein Papa paddeln während der Feststellung des 7-Jährigen gemeinsam mit neun weiteren Booten über die Mecklenburgische Seenplatte und sind dabei Teil eines Ferienlagers, organisiert vom Halleschen Verein Ukraine-Hilfe Halle e.V.. Was zuerst wie der Satz eines kleinen Jungen klingt, spiegelt den Sinn des Ferienlagers vollständig wider: als Teil der Gemeinschaft kommen ukrainische und deutsche Kinder zusammen und erleben gemeinsam spannende Dinge. Integration auf dem Wasser, auf dem Fußballplatz und am abendlichen Lagerfeuer. Das Ferienlager 2023.

 

Wohnzimmer-Ideen

 

Anfang des Jahres 2023 entstand die Idee ein Ferienlager zu organisieren im Wohnzimmer von Erika und Taras Pobidinski, anlässlich dessen ukrainische und deutsche Kinder gemeinsam spannende Dinge erleben und sich kennenlernen. Erfahrung mit einer derartigen Veranstaltung hatten die beiden Musiker nicht, auch wenn bereits ein Ausflug im Jahr 2022 nach Schierke organsiert wurde. Ein Ferienlager aber schien doch etwas aufwändiger. Doch der Verein wird getragen von unzähligen Mitgliedern, die ihre jeweils vorhanden Fähigkeiten in das Projekt einbrachten. In diesem Sinne wurde die Idee des Ferienlagers nach und nach professioneller geplant und später umgesetzt.

 

Nach unzähligen Organisationstreffen des knapp 10-köpfigen Teams standen die Details fest: dank der großzügigen Spende des Biber Ferienhofes stand als Ort des Ferienlagers die Mecklenburgische Seenplatte, Schleuse Diemitz fest. Zehn Schäferwagen, ein großer Gemeinschaftsbau samt Küche und Sitzplätzen sowie Fußballplatz und Basketballfeld machen diesen Ort zum perfekten Treffpunkt für Kinder aus Deutschland und der Ukraine. Hier kann gespielt, gerannt, gepaddelt und geträumt werden. Gemeinsam mit 15 Erwachsenen und Betreuern sollte diese Ferienfahrt zu einem unvergesslichen Erlebnis werden.

 

Die Grundidee

 

Als Basis der gemeinsamen Fahrt sollten Tandems, bestehenden aus jeweils einem ukrainischen und einem deutschen Kind gebildet werden, die im Verlauf der drei geplanten Tage zusammen verschiedene Aufgaben lösen und verschiedene Programmpunkte erleben sollten. Gefördert von der “Stiftung Bildung”, “LAGFA”, der Saalesparkasse, dem Musikhaus Thomann, Kleusberg, S&G Mercedes, Hallog, Edeka und dem Stadtmarketing Halle trug diese Idee dazu bei, dass die Fahrt für alle Kinder kostenneutral erfolgen konnte, also kein Beitrag von den Eltern geleistet werden musste. Wichtig, da das den aus der Ukraine Geflüchteten zur Verfügung stehende Geld keine großen Sprünge wie teure Ferienlager erlauben. In diesem Fall jedoch ermöglichte es diese Förderung, dass alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf einen Eigenanteil verzichten konnten.

 

Lange Planungen und viel zu organisieren

 

Im Voraus musste vieles durch die Organisatoren geklärt werden: wie reist man an? Ein Bus wurde organisiert. Was wird gegessen? Mitreisende ukrainische Mamas kochten. Was macht man den ganzen Tag? Ein umfangreiches Programm wurde aufgestellt. Derart vorbereitet blieb in den Tagen vor der eigentlichen Fahrt nur noch das Einkaufen aller benötigten Dinge: dank des Selgros in Teutschenthal waren die Einkäufe vergünstigt möglich und riesige Mengen an Kartoffeln, Mehl, Obst und Gemüse, aber auch einigen Verbrauchs- und Gebrauchsmaterialien wie Drucker für Urkunden, Papier, Teller und Besteck, wurden eingekauft. In zwei durch “S&G Mercedes” und “Hallog” zur Verfügung gestellten riesigen Mercedes Sprinter und einem VW Bus, konnten alle Waren sicher transportiert werden.

 

Zusammenkommen und eine lange Anreise

 

„Papa, die lange Busfahrt macht mir ein bisschen Angst. Ich kenne doch niemanden in dem Bus.“ Sein Papa antwortete ruhig, dass er sich keine Sorgen machen solle und die Busfahrt ziemlich spannend werde. Und wenn es doch ein bisschen langweilig wird, gibt es zwei Notfall-Schokoriegel im kleinen Rucksack. Einen könnte man zum Beispiel dem Tandempartner anbieten und schon sei das Eis gebrochen. „Gute Idee, das mache ich.“

 

Staubedingt dauerte die Reise vier Stunden, die Stimmung war prima. Kurze Pausen sorgten für Abwechslung und die Vorfreude war den Kindern und Jugendlichen bei der Ankunft am Biberferienhof deutlich anzusehen. „Riegel geteilt?“. „Ja.“

 

Regeln müssen sein

 

Nach kurzer Begrüßung samt Regeln und Ablaufplan stand der erste Teil des Programms bevor: das Erkunden des Geländes. Einige Fragen waren zu beantworten und später vorzutragen. „Wie viele Steine liegen am Toilettenhaus?“ oder „Wie viele überdachte Sitzmöglichkeiten gibt es am Wasser?“ musste mit den passenden Fakten beantwortet werden. Witzig anzusehen, wie die Tandempaare sofort losstürmten und das riesige und gepflegte Gelände erkundeten. Im Verlauf des ersten Tages wurde gemeinsam gegrillt und ein gemütliches Lagerfeuer angezündet. Bei handgemachter Musik und einigen Knabbereien saßen viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer bis spät in die Nacht, versunken in Gespräche oder Gedanken.

 

Auf das Wasser – nicht in das Wasser

Gemeinsam in verschiedenen Booten ging es nach einem ausführlichen Frühstück auf die Mecklenburgische Seenplatte. Ziel war ein nahegelegener Fischer und dessen Eisvorräte. Nach aufwendiger Einweisung, Sicherheitsbesprechung und ersten kleinen Fahrmanövern ging es, gesichert durch einen Rettungsschwimmer im schnellen Motorboot, los. Zuerst kreuz und quer, dann etwas besser und später richtig gut, schafften es die Kinder und Jugendlichen, sich abzustimmen und die Aufgabe zu lösen, in Richtung des Fischers zu paddeln. Manches Team schaffte es schneller, manches brauchte etwas länger. Intensiv wie zwar erhofft aber nicht in dieser Dimension erahnt, wuchsen die Tandempartner zusammen und arbeiteten als Teams gut und ohne Streit zusammen. Nach Eis und kurzer Stärkung ging es zurück und Freizeit für Fußballspielen und Körbe werfen stand bevor. Nach Abendessen und neuem Lagerfeuer ging es für viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer erschöpft, aber glücklich ins Bett der Schäferwagen.

 

 

Teamsport und neue Paddelmöglichkeiten

 

Der dritte Tag bot Auswahlmöglichkeiten. Einerseits konnten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer für eine zweite, diesmal 16 Kilometer lange Paddeltour entscheiden, andererseits wurden im Camp lustige und spannende Spiele und Aufgaben angeboten. 19 Teilnehmerinnen und Teilnehmer entschieden sich für das Boot fahren, 21 für einen Tag im Camp. Hier wurde gebastelt, geflochten, Sport gemacht und gemeinsam Erinnerungen geschaffen. Auf dem Wasser ging es deutlich schneller zu als am Vortag. Schließlich hatte man Erfahrungen gesammelt und es gelang allen Paddlerinnen und Paddlern dieser Tour, die gemachten Erfahrungen umzusetzen und als Team die irre lang wirkenden 16 Kilometer zu bewältigen. So mancher Papa bereute seine Entscheidung mitzufahren, war aber genauso wie die Teilnehmerinnen und Teilnehmer im Nachgang stolz, doch durchgehalten zu haben. Muskelkater inklusive. Das abendliche Lagerfeuer wurde noch größer, die Musikboxen noch lauter und die Stimmung noch schöner als an den Vorabenden.

 

Wenn man zusammenhält, schafft man vieles

Eine Fahrt wie diese zeigt ganz deutlich, dass Kinder Kinder sind – egal wo sie geboren wurden. Wenn Kinder mit Kindern umgehen, die eigentlich sehr weit voneinander entfernt wohnen und man erkennt, wie unvoreingenommen sie trotzdem miteinander umgehen, sieht man, warum es in einer Gesellschaft wichtig sein muss, auf diese Kinder aufzupassen: weil sie unsere Zukunft sind. Dabei sind Kinderseelen zerbrechlich und Dinge die Kinderaugen nicht sehen sollte, werden schnell unvergesslich. Gleiches gilt für Erfahrungen die daraus bestehen, das Zuhause zu verlassen, ohne den Vater, mit der Sorge wie es ihm ergehen wird. Solche Erfahrungen können keine guten sein. Deswegen sollte das Ferienlager 2023 ein kleiner Ausgleich für diese ganz sicher vorhandenen Erfahrungen und daraus entstehenden Gedanken der Teilnehmerinnen und Teilnehmer sein. Ganz und gar positiv waren die Erfahrungen im Ferienlager selbst. Spaß, Freude und Spiel standen im Vordergrund, gepaart mit gutem Essen, toller Organisation und Menschlichkeit. Würde die Welt so sein wie unser Ferienlager, bräuchte es keine Waffen oder Macht.